ALASTAIR THAIN – MONOTHEISM

Text: Dr. Thomas Köhler, stellvertretender Direktor, Berlinische Galerie

Alastair Thain, 1961 in Deutschland geboren und am London College of Printing ausgebildet, wurde in den 1980er Jahren als Porträtist der internationalen Kunstszene berühmt. Thain dokumentierte mit Close-ups die prägenden Künstler und Stars des späten 20. Jahrhunderts:  Künstler wie Andy Warhol und Joseph Beuys, Filmstars wie Peter O’Toole und Anthony Hopkins oder Literaten wie William S. Burroughs und Heiner Müller, ebenso Musiker wie Annie Lennox und Tom Waits. Unerwartet nahbar und individuell vermitteln seine Porträts ein Menschenbild jenseits der gängigen Klischees von Glamour und Showbusiness. Ebenso bekannt wurden seine Fotos des britischen Performance-Künstlers Bruce McLean, die, als Serie konzipiert, einer Abfolge von Filmstills gleich, das Prozessuale der Performance des Künstlers durch eine installative Inszenierung  vermitteln.

Schon damals verwendete Thain selbst entwickelte Kameras verbunden mit Zeissobjektiven, mit denen er extrem großes, bis zu 20 Zentimeter breites,  Negativmaterial, verwenden konnte, was eine beachtliche Tiefenschärfe und Abzugsgröße ermöglichte. Diese speziellen Kameras sind für die Intensität der neuen Werkgruppe “Monotheism” von essentieller Bedeutung. Die Art der Aufnahme und die nötigen technischen Voraussetzungen stehen für Thains Erforschen der immanenten Begrenzungen des Mediums Fotografie. Es ist kein Zufall, dass die amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA ähnliche Kameras für ihre Arbeit einsetzt.

“Monotheism” thematisiert einen ganz anderen, uns alle immerzu begleitenden Star: die Sonne. Im Titel der Reihe erinnert Thain an die monotheistische Verehrung des Sonnengottes Ra, stellvertretend durch den ägyptischen Pharao Echnaton als einzige Gottheit inthronisiert und repräsentiert. Echnaton gilt als der große Religionsreformator seiner Zeit, ließ er doch alle anderen Götterbilder zerstören und verbieten. Mit seinem Namen verbindet sich der erste monotheistische Aufbruch in der Religionsgeschichte der Menschheit. Diese “kulturrevolutionäre” Tat bedeutete für die meisten Zeitgenossen eine schwer erträgliche Erfahrung, geriet das überkommene Weltbild doch völlig aus dem Gleichgewicht.

Der Titel verweist jenseits der historischen Konnotation überdies auch auf die Fokussierung von Kamera und Betrachter, auf den zentralen Ausdruck und Auslöser allen Lebens: die Sonne.

In Zeiten einer medialen Überinformation und Bildüberreizung sucht Thain die Verdichtung im Mythischen. So wie der ägyptische Monotheismus den Sonnengott Ra zugleich auch als Personifikation des Universums annahm, symbolisiert durch eine große Scheibe, sind Thains Abbildungen der Sonne zugleich Symbol für die Erschaffung der Welt. Seine Serie zeigt, wie sich die Sonne gegen jede Abdunkelung durch Wolken und Schatten durchsetzt, in die Unendlichkeit des Himmels einen Fokus setzt. In gewisser Weise ähneln Thains Sonnenbilder Hiroshi Sugimotos berühmter Serie der Seascapes / Meeresansichten, wobei Sugimoto das Flüchtige, Unendliche und das Überzeitliche im Abbild der Meeresoberfläche sucht, Thain hingegen die direkte Verbindung von Ursache und Wirkung interessiert. Tatsächlich erinnern Thains Sonnenbilder auch an wissenschaftliche Aufnahmen, da sie sowohl technisch als auch inhaltlich dem Vorgehen von Forschern verwandt scheinen.

In der Serie Rainforests / Regenwälder steht ganz offensichtlich die direkte Wirkung der Sonne, ihre erzeugende und schöpferische Kraft, im Zentrum von Thains Interesse. Es wirkt, als würde der Betrachter vom Auge der Sonne aus (dem Zentrum der Monotheism-Serie) auf die Erde schauen, zoomen, fokussieren und einer raumgreifenden Photosynthese beiwohnen. Thain hat atemberaubende tropische Landschaften fotografiert, die in ihrer expressiven Kraft und Unschuld an einen neuen Garten Eden denken lassen. Der Monotheismus beschreibt hier das Urschöpferische, befreit von rationalem Zweifel und antagonistischen Gesellschaftskonzepten. Alastair Thains neue Fotografien versinnbildlichen einen kausalen, teleologischen Weg von Naturwahrnehmung. “Monotheism” löst die Antithetik von Mensch versus Natur auf und formuliert eine naturromantische Ursprünglichkeit, eine Sehnsucht nach einer vormodernen Unschuld.