YUJIN LEE
CHRONOS UND KAIROS

Text: Julika Nehb

Zeitgenössische künstlerische Äußerungen im Medium der Zeichnung sind derart vielgestaltig, dass die Linie zu einem ihrer letzten gemeinsamen Nenner geworden ist. Die in Korea geborene und in Berlin lebende Künstlerin Yujin Lee (*1986) setzt in einem hochkonzentrierten, meditativ anmutenden Werkprozess einen Bleistiftstrich neben den anderen auf das Papier; eine senkrechte, zart schraffierte Linie neben die andere. Als Gesamtheit erfasst, erwecken sie durch gezielte Verdichtung monumentale, sensibel stilisierte Rauchwolkenfigurationen zum Leben.

Die vertikale Linie wird in verschiedenen Kulturen mit Eigenschaften wie Spannung, Stärke und Stabilität in Verbindung gebracht; Kandinsky bezeichnete die Vertikale in seiner Formenlehre als „die warme Form“. Das antike Liniengleichnis von Platon vergleicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit mit einer senkrecht vorgestellten Linie; in der Höhlenmalerei symbolisiert die Vertikale den aufrecht gehenden, autonomen Menschen, ähnlich wie in fernöstlichen Philosophien. Im christlichen Kreuz stellt die Vertikale den Menschen dar, der nach einer Verbindung zwischen Erde und Himmel strebt.

In einem Hochformat von über 2 Metern entfalten die Linien in Yujin Lees „Cloud“-Serie eine extrem plastische Wirkung. Die Wolkenfigurationen werden dem Betrachter gleichsam zu einem Gegenüber mit physischer Präsenz.

Yujin Lees handwerkliches Können geht auf eine traditionelle, klassische Ausbildung in Korea und in den USA zurück. Neben der formalästhetischen Herausforderung, das Phänomen „Rauch“ zu erfassen, ist die Wahl ihres Gegenstands auf ein aktives politisches Bewusstsein und eine andauernde, künstlerische wie persönliche Identitätssuche zurückzuführen. Aufgrund eines ausgeprägten Interesses an politischer und medialer Inszenierung von Personen, konkreten Ereignissen und Phänomenen dienen Lee häufig Pressebilder als Vorlagen.

Die Frage nach dem Ursprung der Rauchwolken ist, ihrer Ehrfurcht erweckenden, poetischen Schönheit zum Trotz, so brisant wie beunruhigend. Denn ob Yujin Lees Motive ein tatsächliches, voraus gegangenes Ereignis abbilden, bleibt ungewiss. Rauch ist ein indexikalisches Zeichen für Feuer, für eine meistens gefährliche, gewalttätige Ursache. Vulkanausbrüche, Großbrände, Bombenexplosionen oder Atomkatastrophen – medial und kulturell werden Rauchwolken gelesen als Zeichen einer sich ankündigenden Klimakatastrophe, als Konsequenzen schwerwiegender Unfälle oder als bewusst vom Menschen herbeigeführte Gewalttaten. Was sie in Ursprung, Form und Entwicklung verbindet, ist ihre Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit. Yujin Lee verbirgt den Ursprung ihrer Rauchwolken bewusst. So sind ihre Zeichnungen vielmehr als künstlerischer Kommentar zum Prozess der Distanzierung innerhalb der ästhetischen Erfahrung zu verstehen, in dem die Künstlerin auf die Rezeption von Rauchwolken in Populärkultur und Presse verweist. Dort wurde vor allem der Atompilz zwar schnell zu einem stereotypen Erkennungszeichen einer Kernwaffendetonation; zugleich lenkt sein Bild – durch seinen schieren Symbolgehalt – von der tatsächlichen, verheerenden Destruktivität einer solchen Detonation ab.

Darüber hinaus ist Rauch aber auch ein traditionelles barockes Vanitas-Symbol; der Qualm einer erloschenen Kerze ein Hinweis auf Tod und Vergänglichkeit. Zweifelsohne reflektiert Lee mit der „Cloud“-Serie (vor allem aber mit der „Telescope“-Serie, farbige Kreidezeichnungen, welche die Ausstellung ergänzen) wenn auch unterbewusst, das generationsübergreifende Gefühl im Schatten der Bombe aufzuwachsen; in einem Land, dessen Teilung aus geostrategischen Gründen mittels Staatsgewalt aufrechterhalten wird.

Bei den Namensgebern der Ausstellung handelt es sich um zwei mythologische Gottheiten: Chronos herrscht über die Zeit, Kairos über den idealen Augenblick. Sie verweisen auf die paradoxen Wesensmerkmale des künstlerischen Gegenstandes – und des Mediums der Zeichnung. Rauchwolken sind trotz ihrer physischen Präsenz ephemer und ungreifbar, sie vergehen so schnell, dass kaum Zeit bleibt, um über ihren gewaltaffinen Ursprung nachzudenken. Wenn sie, wie in Yujin Lees Zeichnungen, ihrem Kontext entrissen werden, verlieren sie damit ihren Ursprung, ihre Wurzeln, und vermitteln so den Eindruck von Heimatlosigkeit und Verlorenheit. Gleichzeitig werden sie im Prozess der formalen Vergegenständlichung dauerhaft auf dem Papier festgehalten; in einem „idealen Augenblick“, der das Phänomen mit all seinen verschiedenen Facetten erfasst. Lee folgt dem künstlerischen Selbstverständnis, dass der Werkprozess selbst zum Manifest gegen das Vergängliche wird. In ihrer stummen Präsenz subtil vibrierend, entwickeln die Formationen ein Eigenleben, als würde eine bedrohliche Kraft hinter den Linien atmen.