XENIA FINK
TOO CLOSE TO HOME

Text: Julika Nehb

Anders als die Malerei birgt das Medium Zeichnung eine Intimität, die sich auf zwei unterschiedlichen Ebenen abspielt. Die auf dem Papier gezeichnete Linie zeugt von der Nähe zur Hand des Künstlers und der größtmöglichen Unmittelbarkeit zwischen schöpferischem Geist und Materie: charakteristisch für die Zeichnung sind das Spontane, das Intime, ein Gefühl von Authentizität. Dieses Wissen überträgt sich auf den Betrachter und macht ihn zu einem „Eingeweihten“, zum Teilhaber an dem vermeintlichen Mysterium des Schöpfungsprozesses. Georg Friedrich Wilhelm Hegel gehörte zu den Anhängern des Mediums: „[Es] haben gerade Handzeichnungen das höchste Interesse, indem man das Wunder sieht, dass der ganze Geist unmittelbar in die Fertigkeit der Hand übergeht.“1

Das Gestaltungsmittel der Zeichnung ist die Linie; sie beschreibt Räume, Strukturen, Stofflichkeiten. Die Federtuschearbeiten von Xenia Fink verführen den Betrachter mit einer klaren technischen Ausführung und mit nostalgischen, surreal-rätselhaften Traumwelten, die sie mit assoziativen geschriebenen Zitaten anreichert. Reduktion, Auslassung und Dekonstruktion sind die wesentlichen formalen Merkmale in den zarten, gegenständlich-illustrativen Zeichnungen der Werkserie Too Close to Home – Nähe, die wehtut.

Oft sieht man eine einzelne außen stehende Figur, oft wenden sich die Figuren voneinander ab. Paare schauen aneinander vorbei, weibliche Figuren verbergen ihr Gesicht. Manchmal schlafen sie oder liegen träumend in ihren Betten. Eine vergnügte Abendgesellschaft ist mit schwarzen Balken vor den Augen dargestellt – sie bleibt inkognito. Im Stil einer postmodernen Erzählung bleibt die Behandlung ihrer Themen fragmentarisch. Es geht um Familie, Kindheit, Liebe und Einsamkeit; um zwischenmenschliche und erotische Beziehungen. Und um die Identität der modernen Frau.

Wiederkehrende Elemente – dabei handelt es sich vor allem um nostalgische Interieurs, Kleidung aus vergangenen Epochen und eine in den meisten Blättern auftauchende, junge weibliche Referenzfigur – lassen den Betrachter Vertrauen aufbauen und Anknüpfungspunkte feststellen. Doch die dekonstruierten Raumsituationen – teilweise stehen die Figuren völlig frei – verhindern eindeutigen Halt und Orientierung. Kommunikation scheint für die meisten Figuren mühsam; lieber flüstern sie im Verborgenen.

Drei Leitmotive durchziehen Too Close to Home.

Bühne

Für die Werkreihe L’Éducation Sentimentale von 2010 band Xenia Fink ihre gezeichneten Figuren in kleine, selbstgebaute Tableaus ein. Klassische historische Dioramen, mit traditionellen Puppentheatern vergleichbar, hatten nicht nur eine erzieherische Funktion, sondern dienten auch dazu, gesellschaftliche Wunschzustände auszudrücken. Die Idee der Bühne, auf der sich die Figuren bewegen, wird in Too close to Home durch die sehr offen gestalteten Räume zunehmend abstrahiert. „All the world's a stage, and all the men and women merely players“. William Shakespeares Aphorismus für das determinierte menschliche Schicksal wird bei Xenia Fink im Kontext zeitgenössischer Medien- und Gesellschaftsbilder zur Analogie auf die zerbrechlichen Versuche, zwischenmenschliche Beziehungen und bürgerliche Existenzen zu organisieren: „On inherited emotional economics“ heißt es in einer Zeichnung. Welche Rolle nimmt die Frau auf dieser Bühne ein? Sie ist Kind, junges Mädchen, Verführerin und Verführte, Mutter, Tochter, Geliebte, Spielgefährtin. Xenia Finks Bildwelten offenbaren ein weibliches Bewusstsein der Gegenwart. Die Figuren winden sich wie unter einem Brennglas, und sehnen sich zugleich nach Zuwendung. Die Szenen illustrieren unerfüllbare Mythen der Popkultur, die zwangsläufig an der nüchternen Realität scheitern:„I refuse to spend one more day obsessing about you. I have laundry to do”.

Zitat

Xenia Finks Zitate entstammen den Sprach- und Bilderwelten der jüngeren westlichen Kulturgeschichte; von klassischen Märchen, Boudoirbildern der Belle Époque und Alfred Hitchcock bis zur amerikanische TV-Serie Mad Men. Einige Sprüche hat sie selbst geschrieben. In einer Szene trifft Lewis Carrolls Alice im Wunderland auf den kontroversen französischen „Mädchenmaler“ Balthus, wenn sich mehrere weibliche Figuren nackt zwischen riesigen Fliegenpilzen räkeln und an ein Reh schmiegen. Eine Szene genügt, um den Verlust von Unschuld und die ernüchternde – und ermächtigende – Erfahrung des Heranwachsens zu beschreiben: „I don't feel anything but pain. It is a job; it is a game; it is what we do”. In einer zunehmend beschleunigten Welt im Wandel erhalten Zitate durch ihr Wesen der Beständigkeit und Abgeschlossenheit die Rolle von unveränderlichen Orientierungspunkten. Die Zitate und Sprüche in Xenia Finks Zeichnungen können und sollen ihrem ursprünglichen Kontext nicht mehr zugeordnet werden. Die Worte öffnen weite Assoziationsfelder.

Zeit und Erinnerung

Die Zeit in Too Close to Home scheint aufgehoben. Zu den räumlichen Paradoxa kommen zeitliche hinzu. In einigen Szenen findet Gegenwart statt, wenn ein Moment eingefangen wird, etwa ein Dialog. Andere Szenen beschreiben vielmehr Träume und Erinnerungen. Sie sind Konstrukt. „Memory is a selection of images. Some elusive, others printed indelibly on the brain. Each image is like a thread. Each thread woven together to make a tapestry of intricate texture and the tapestry tells a story and the story is our past“.2 Doch der Reiz des Vergangenen täuscht: Das Lebensgefühl dieser Figuren entspricht dem Hier und Jetzt.

Die Federtuschezeichnungen der Serie Too Close to Home vermitteln Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Verständnis und die Sehnsucht danach, verstanden zu werden. Das Bedürfnis nach einer Heimat. Die formale wie inhaltliche Ambivalenz von Nähe und Distanz entspricht der konstanten Unsicherheit im menschlichen Dasein. Komm mir nicht zu nahe! You are too close to home.

 

 

1 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, in: Sämtliche Werke, Bd. 14.   
  Stuttgart 1928, S. 62.

2 Aus dem Film Eve´s Bayou von Kasi Lemmons