CHAOS UNTER KONTROLLE

Text: Lisbeth Bonde

Trine Boesen überwältigt den Betrachter mit ihren explosiven und chaotischen Figuren und Formen, die sich in alle möglichen Richtungen drehen. In ihrem ahierarchischen, bildlichen Universum kommen alle Zeiten und Orte zusammen: Pop und Klassik, West und Ost, Vergangenheit und Gegenwart, organische und geometrische Strukturen und Formen wirbeln umher in einem wilden und lebendigen Strom. Nur die Vorstellungskraft setzt dem, was passieren kann, Grenzen, wenn man die Technik so meisterhaft beherrscht wie Boesen. Es gibt jedoch ein kontrolliertes Chaos, das feinsäuberlich mit Posca-Stiften gezeichnet wird, sowie mit Boesens Hand, die den Pinsel ohne Zittern kontrolliert wenn sie Acrylfarben auf die jungfräuliche weiße Leinwand aufträgt, die sie wie ein Stück Papier behandelt. Ihre Arbeiten sind ein Hybrid aus Malerei, Collage und Zeichnung – sie arbeitet in unorthodoxer Art und Weise mit dem alten Medium Malerei, die sie in neue Richtungen dreht.

Boesen verortet sich selbst weit weg von der abstrakt-expressionistischen „spielerischen“ Agenda, in der der Künstler seine Seele ausschüttet und seine Emotionen und Gefühle spontan auf die Leinwand mit wilder Pinselarbeit aufbringt, Impasto und aggressiven Schichten von Ölfarbe, sofern die Farbe nicht beim Tanzen auf die Oberfläche des Gemäldes getröpfelt ist. Sie gehört zu der Generation die nach den großen Ideologien und Ismen kam und spielt mit der äußeren Erscheinung von Dingen, mit einem wohlüberlegten Plan bevor sie ihren ersten Pinselstrich macht. Sie projiziert ihr Hauptmotiv – in der Regel eine messerscharfe architektonische Version – mit einem Overhead-Projektor auf die Leinwand und verwendet es als eine Art Matrix oder fundamentale Struktur. Die architektonischen Elemente halten in Boesens Arbeit also eine Welt zusammen, die aus den Fugen geraten ist. Wie Carsten Thau in seinem neuen Buch „Arkitekturen som tidsmaskine“ (Kopenhagen, 2010) schreibt, ist Architektur das älteste fassbare Massenmedium, das nicht nur „the most resistant media to decay over time, but also offers the most immediate experience of day and night, and light moving through the man-made“. Sobald Boesen die Architektur als restistendes Raster gemalt hat, kann sie ihr fruchtbares und oft humoristisches Chaos hinzufügen, welches dem Informationsfluss ähnelt, den wir aus dem Internet und den elektronischen Massenmedien kennen. Ihre neuen Arbeiten für die Galerie MøllerWitt bezeugen, dass das Narrativ eine zunehmend geringere Rolle zugunsten der formalen Möglichkeiten der Malerei, wie auch ihre Farbpalette etwas gedeckter als üblich ist, um unter anderem der Form und Struktur eine hervorgehobene Position zu verleihen.

Aber der üppige, vitale und heitere „Informationsknall“, Boesens unverwechselbares Markenzeichen, ist glücklicherweise noch da. Die Bilder sind erfüllt mit Sachen, Zeichen und merkwürdigen Ereignissen, deren Entdeckung spannend ist, weil in ihnen eine Vielzahl von versteckten, mehr oder weniger direkten Botschaften liegen, die den Betrachter verlocken. All diese Dinge scheinen aus einem schwarzen Loch im Universum katapultiert worden zu sein. Oder ist es vielleicht vielmehr, dass sie dabei sind von ihm verschlungen zu werden? Es ist unmöglich zu entscheiden ob die Welt nun kurz vor ihrem Verschwinden/Untergang steht oder im Gegenteil, ob sie sich nicht sogar gerade in ihrer Entstehung befindet. Aber unabhängig davon gibt es ein charakteristisches anderes Universum – ein Loch durch etwas Undefinierbares, etwas Unbekanntes. Das mysteriöse leere Paralleluniversum formt einen Kontrast zum Vertrauten, welches wir auf der Bildoberfläche antreffen. Die bekannte Welt erscheint generell als eine dünne, wenig tragfähige Konstruktion, über die wir nur für eine kurze Zeit verfügen; doch bevor diese Welt verschwindet wie Schaumblasen in einem Fluss, startet Boesen eine wilde Party. Und das ist etwas, was um alles in der Welt keiner verpassen wollen würde.