THOMAS LÜER – FLOW III | REINRAUM II

Text: Julika Nehb

Thomas Lüers Arbeiten nähern sich mit einer zuweilen minimalistischen Reduktion ihrem Gegenstand an – dabei handelt es sich oft nur um einen einfachen Ausschnitt, ein winziges Detail aus einem größeren Zusammenhang. Wie beiläufig beobachtet er alltägliche Phänomene in verschiedenen Arbeitswelten oder im öffentlichen Raum. Mit subtiler Präzision macht der Künstler sichtbar, was oft verborgen bleibt: Licht. Wind. Kleinste Teilchen. Zugleich werden durch seine Pars-pro-toto-Strategie soziologische, wissenschaftstheoretische oder semiotische Fragestellungen aufgegriffen.

Lüer denkt seine Arbeiten für jeden Ausstellungsort neu. Er arbeitet jedoch nicht ortsspezifisch, sondern situationsspezifisch: Das Medium folgt der Logik des Inhalts, die Inszenierung fügt sich anschließend in den Raum ein. In den Galerieräumen von MORGEN CONTEMPORARY werden zwei Videostudien Lüers an zwei Wände projiziert.

In Flow III (Videoarbeit, 6 Min, 2010) flackern in der Mittelachse des Bildes vor schwarzem Hintergrund von rechts nach links kleine Lichtpaare auf. Unterhalb der Lichter erscheinen jeweils exakt 3 Sekunden lang einzelne Worte („when; after; finally…“) offenbar zusammenhangslose, bedeutungslose Zeichen. Ein asynchrones, sporadisches Rauschen begleitet die beiden visuellen Eindrücke. Die fast hypnotische, repetitive audiovisuelle Struktur suggeriert eine empirische Versuchsanordnung; tatsächlich ist das 3-Sekunden-Zeitfenster einer Theorie aus der Kognitionsforschung entlehnt, der zufolge das menschliche Gehirn genau 3 Sekunden benötigt, um Informationen optimal zu verarbeiten.

Doch Lüers minimalistische Komposition folgt keinem kongruenten Rhythmus, die Codierung wird als funktionslos erkannt. Die Arbeit widersetzt sich vehement der Sinnstiftung durch den Betrachter.

Reinraum II (Videoarbeit, 20 Min, 2013) zeigt kalte, chromglänzende Oberflächen aus einem kaum definierbaren Maschinenraum in ruhigen, langsamen Einstellungen. Das Licht wird teilweise bis zur Überblendung reflektiert, der Blick schweift in unklare, tiefe Raumfluchten. Die Bilder sind mit extremer Nähe zum Objekt aufgenommen und bereiten dem Betrachter Schwierigkeiten, Größenrelationen herzustellen. Bei Thomas Lüers „Reinraum“, handelt es sich um das Vakuuminnere eines Teilchenbeschleunigers – ein seltener Anblick, der in der Regel Kernphysikern vorbehalten ist.1 Reinraum II thematisiert die Sichtbarmachung des Nichts mit den Mitteln der Technologie – und den immensen Aufwand, der mittlerweile von der Wissenschaft betrieben werden muss, um an Erkenntnis zu gelangen. Mit einfachsten Mitteln hinterfragt Lüer die Inszenierung von teilöffentlichen Forschungseinrichtungen in Film und Medien, sowie die Macht des kulturell und medial gesteuerten kollektiven Bildgedächtnisses.

Flow III und Reinraum II funktionieren auf poetisch-sinnlicher wie auch auf intellektueller Ebene. In den 1960er-Jahren entdeckten viele bildende Künstler den Film als eine Ausdrucksform der Gegenwart. Thomas Lüer knüpft daran an, integriert Ansätze aus der theoretischen Physik in sein künstlerisches Werk, etwa die Heisenberg’sche Unschärferelation. Vereinfacht besagt diese, dass man nicht gleichzeitig die Geschwindigkeit und den Ort etwa eines Elektrons mit beliebiger Präzision bestimmen kann. Als Konsequenz wird in beiden Arbeiten das Erleben von Raum und Zeit dekonstruiert, indem der Betrachter mit verschiedenen Zeitpunkten und Geschwindigkeiten konfrontiert wird: Während die Lichter in Flow III wie im Zeitraffer dahinrasen, verharren die darunter eingeblendeten Worte stoisch in ihrem kurzen 3-Sekunden-Rhythmus. Die Aufnahmen von Reinraum II betören gerade durch die Langsamkeit der Bildabfolge. Die verschiedenen Bildausschnitte beider Arbeiten vermitteln – wenn überhaupt – jeweils nur vage Größenrelationen. So wird das Raumempfinden des Betrachters gestört und die Unvereinbarkeit von Bildraum und realem Raum vor Augen geführt.

Thomas Lüer hinterfragt durch die Gestaltung von Flow III und Reinraum II die Methoden, mit welchen von Forschung und Medien Wissen generiert und Wahrheit beansprucht wird – zugleich würdigt er aber auch das gerade für die Forschung so wichtige Element des Zufalls und des Unberechenbaren, indem er es zum integralen Bestandteil beider Arbeiten macht.

 

1 Es handelt sich um den Schwerionenbeschleuniger UNILAC aus dem GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, Darmstadt