FOTOGRAFISCHE STRATEGIEN BEI SABINE DEHNEL

Text: Luminita Sabau

“Ein Foto ist nicht das, was fotografiert wurde. Es ist etwas anderes.”

Gary Winogrand

Ein entscheidender Motor in der zeitgenössischen Kunst der letzten Dekaden ist das Spannungsverhältnis zwischen Fotografie und Malerei. Von Gerhard Richters “Fotomalerei” über Jeff Walls inszenierte “Reportage” bis zu Thomas Demands Darstellungsverfahren über Modellbauten reichen die bekannten Beispiele in diesem Zusammenhang. Wer den Film In the Mood for Love von Wong Kar-Wei in Erinnerung hat, kann erstaunliche Parallelen zu den Arbeiten von Sabine Dehnel entdecken, die im Prinzip der Wiederholung liegen. Worin liegt das Filmische im Werk dieser Künstlerin, das bei den genannten Künstlern eine eher untergeordnete Rolle spielt?

Es liegt sowohl darin, dass es bei Sabine Dehnel letztlich keine Einzelbilder gibt, als auch an ihrem Hauptmotiv, dem menschlichen Körper und seinen Hüllen in leichten Abwandlungen. Nicht nur verweist die betonte Ausschnitthaftigkeit ihrer Gemälde und Fotografien auf diese zentrale Eigenschaft des fotografischen Bildes, sondern Dehnel bildet auch regelrechte “Typologien” (Rock, Campingstuhl), die formal von Bernd und Hilla Becher abgeleitet sein könnten. Das heißt, ihr geht es einerseits um die ornamentale Gestaltung des Gesamtraums. Andererseits sind ihre Bilder im Grunde Porträts (etwa Frieda), die, wie es scheint, im Wissen darum gemacht werden, dass das Porträt immer auch entindividualisiert. So sind die Gesichter nicht selten abgeschnitten oder die Figuren zum Teil in Rückenansicht und meist ohne Bodenhaftung dargestellt. Man wird auf Spurensuche geschickt. Farben und Muster erzählen unvollendete Geschichten. Jede Veränderung entdeckt man in den Details, und doch bleibt der Ausgang ungewiss.

Schon lange haben wir den Gegensatz von Figuration und Abstraktion als Scheingegensatz erkannt. Sabine Dehnel arbeitet auch mit den Reibungsenergien aus diesem Spannungsverhältnis. Ihre Bilder sind figurativ und abstrakt zugleich, wie sie zugleich Gemälde und Fotos sind. In Dehnels künstlerischer Strategie wird ein vordergründiger Formalismus vorgetäuscht, der gesellschaftliche Interaktion selbst als Konventionalität, eben als Ornamentik, entlarvt. Die Farben und Dekors, die Masken und Moden sind die Codes, auf die es ankommt. In diesem Sinn drängt sich ein Vergleich ihrer Bilder mit den Porträtaufnahmen des Auftragsfotografen Seydou Keïta aus den 1950er und 60er Jahren aus Bamako, der Hauptstadt Malis, auf. Keïta hat gerade die Frauen unter seinen Kunden in ihren afrikanischen Gewändern vor traditionellen Stoffen inszeniert, mit dem vergleichbaren ästhetisch reizvollen Effekt, dass der Bildraum ornamental und flächig und die Stofflichkeiten und Bildlichkeiten von Oberflächen zum eigentlich Sprechenden werden. Das macht diese historischen, vermeintlich unkünstlerischen Aufnahmen so interessant. Die Codes der Stoffe und der Dinge dieser traditionellen Porträts sind uns Europäern nicht vertraut – die Retroästhetik der Kleidung junger Leute bei Sabine Dehnel dagegen umso mehr. Sie steckt voller Geschichten und Stimmungen. Im Unterschied zum Film sind sie nur nicht ausbuchstabiert.

Dehnels Gemälde und Fotografien entstehen parallel. Dadurch erkennt man deutlich die je andere Stofflichkeit der Oberfläche des fotografischen und des malerischen Bildes. Sie altern jeweils ganz anders. Dieser Unterschied ist nicht nebensächlich, denn er macht auf die unterschiedlichen Zeitlichkeiten der beiden Medien aufmerksam. Auch im übertragenen Sinn, denn das ambivalente Verhältnis der beiden Bildregister zeigt sich nicht zuletzt am anderen Zeithorizont eines eigenen künstlerischen Blicks (Subjektivität) auf der einen Seite und einer Aufzeichnung von Wirklichkeit (Objektivität) auf der anderen. Kleidungsfragen, also das vermeintlich Oberflächliche, sind heute vielleicht mehr denn je Identitätsfragen. So stellten schon Velvet Underground, einige Jahre bevor Sabine Dehnel geboren wurde, die prophetische wie entscheidende Frage: “[...] oh, what shall the poor girl wear to all tomorrow’s parties?”