HEITERE SCHÖNHEIT UND DÜSTERE SEHNSUCHT
(DIE BILDER ANDY HARPERS)

Text: Mark Gisbourne
Übersetzung: Mirjam Szeczinowski

Viens-tu ciel profond ou sors-tu de l'abîme,
O Beauté ton regard, infernal et divin,
Verse confusément le bienfait et le crime,
Et l'on peut pour cela te comparer au vin.

Charles Baudelaire (1821 – 1867)
Hymne A La Beauté (Les Fleurs du Mal)1

 

Im Kern alles Schönen liegt ein visuelles Paradoxon von großer Faszination: Sein verborgenes Wesen und ambivalentes Dasein zieht uns unwiderstehlich an. Andy Harpers Bilder stehen in eben diesem Kontext, eindringlich in ihrer visuellen Unmittelbarkeit von unwiderstehlicher Schönheit und düsterer Verlockung. Seinen Werken sind Aspekte eines kosmologisch verstandenen Blühens eigen, wie sie Blumen, aber auch Pflanzenmetaphern im weiteren Sinne, zugeschrieben werden können. Und somit würde es Harpers malerischer Fantasie keineswegs gerecht werden, sie allein auf die bloße Abbildung von Blumen und Natur zu reduzieren. Als kulturelle Projektion, als Idee, existiert seit jeher eine universelle Sprache der Blüten und des bildhaften Blühens. Im Sinne einer fortdauernden Geschichte botanischer Metaphorik, umfasst sie zahlreiche verschiedene Konzepte von Regeneration und Degeneration. Blumen symbolisieren aus einem transzendenten Verständnis heraus den Garten Eden unserer Vorstellungen, ein Paradies der Blütenfülle, dessen entropischer Aspekt im Gegenzug jedoch auf das Ende unseres Daseins weist, bei dem uns Blumen aus dem Leben geschnittene Begleiter sind. Fern allen larmoyanten Sentiments in derlei Dingen sei hier die Ambivalenz von Blumen zwischen Leben und Tod betont: ihr Platz zwischen Schönheit und Dekadenz, Sein und Vergänglichkeit.

Der temperamentvolle, festliche Eindruck den Harpers Bilder auf den ersten Blick erwecken, sollte nicht täuschen: Es steckt in ihnen ein dunkler Hang zu Überlagerungen und verborgenen Untertönen. Wie außer Frage steht, dass die Natur Leben gebiert und nährt, so weist sie zugleich auch dem menschlichen Dasein Form, Struktur und Grenzen zu. Nicht selten versinnbildlicht sich fantasievolles, erschaffendes Sein exemplarisch als üppigstes Blühen, ein simpler Akt an sich, gleichsam als Zustand oder Zeitraum zu begreifen. Auch Schönheit und Blüte werden poetisch synonym gebraucht. Für diesen Gleichklang aber muss Schönes stets in Bezug zum Licht existieren, welches zugleich auch die sprachliche Grundlage für Harpers kosmologisch verstandenes Blühen bildet, das in Form von Lichteffekten in seinen Bildern präsent ist. Verbinden wir diese Präsenz mit dem malerischen Gespür für geheimnisvolle Vergänglichkeit, für tiefgründige Anspielungen, so lässt sich am ehesten etwas von Andy Harpers unmittelbarer Empfindsamkeit erahnen.

Andy Harpers Bilder machen diese Widersprüche wahrnehmbar, ja beinahe greifbar. So verweist er in früheren Werken gelegentlich auf Texte eines seiner bevorzugten Science-Fiction Autoren, J. G. Ballard, jedoch weniger zum Zwecke narrativer Beschreibung, vielmehr aufgrund gemeinsamer seelischer Prädisposition und emotionaler Affinität. Genauer gesagt: einer Affinität zu Ballards gleichermaßen ambivalenter Haltung zwischen Utopie und Dystopie, einer beiden Künstlern eigenen Neigung zur Atopie, zur Ortlosigkeit einer imaginierten Existenz. Eindrucksvoll entsteht in dem Bild Transatlantic Oscillation aus sich dehnenden, einander umschlingenden Formen eine subterrane zentripetale Blüte. Formen verändern sich, fließen ineinander, scheinbar eine der anderen unterworfen und doch gleichermaßen gefangen im gewaltigen Sog ozeanischen Strömens. Eine Deutung in floralen Kategorien allein steht außer Frage. Harpers Metaphern müssen als Teil eines unbestimmten, sich beständig wandelnden vegetativen Blütenkosmos interpretiert werden. Derartig fantastische Erscheinungen im Zusammenspiel mit Harpers verborgenen wandelbaren Bildebenen, ihrer Tiefe und Illusion, verleiht seinen Bildern ihre enorme Wirkung. Seine künstlerische Meisterschaft erschafft mit Farbe und Pinsel rhythmische Oberflächentexturen, einen rhythmischen Farbauftrag, der mehr Wert auf eine elastisch flexible denn lediglich plastische Darstellung legt.

In Dark Hands sind es kleine, fischartig anmutende figurative Elemente, die in die alles überlagernde Blütenmatrix hineinschleichen. Immer wieder tauchen in Harpers Bildern solch beiläufig hingeworfenen Andeutungen auf und verleihen ihnen ein visuelles Punktum. So ziehen sie den Betrachter tiefer hinein in die miasmatische Unterwelt eines im Grunde imaginären Kosmos. Der daraus resultierende schwindelerregende Effekt ermöglicht dem Betrachter zum einen das Erfassen der außergewöhnlich detaillierten Darstellungen, zum anderen bewirkt er zugleich ein Gefühl visueller Desorientierung. Dennoch wird der Betrachter in eine psychologische Traumzeit geleitet, versunken in wundersam gewandelten Fantasiegebilden. Harper gebraucht visuelle und bildhafte Metamorphosen im Wortsinne: er suggeriert Transformation (bewirkt wie durch fantasievolles Hexenwerk) nicht allein in seinen Bildern, sondern im Betrachtenden selbst. Gelockt in ein Netz widersprüchlicher Empfindungen werden wir, neben dem inhaltlichen Erfassen der Bilder, zudem mit einem Gefühl des Versinkens, des Orientierungs-verlusts konfrontiert. Gerade hierin besteht meines Erachtens die Schönheit dieser Bilder. Schon Marcel Proust befand, dass Schönheit aus einer unvoreingenommenen Distanz erwächst, während Sehnsucht aus der hinausgeschobenen Realität einer ästhetisch noch ungerichteten psychischen Bindung entstehe. Dies ist im Kern die Kantische und Nachkantische Auffassung vom Begriff des Schönen. Harpers Bilder bewirken fortwährendes distanziertes Erkennen und anhaltende emotionale Verschiebungen. Verlockung ist der Mechanismus des Verlangens, und durch bildliche Wandlungen entfaltet sich die düstere Seite des Schönen: eben dessen paradoxer und diabolischer Aspekt, den Baudelaire so klar erkannte.

In jüngster Zeit lässt sich in Harpers Bildern eine Verlagerung des Akzents ausmachen. Sie entfernen sich von der Natur und dem unmittelbaren Empfinden des Blühens, und wenden sich vielmehr bestimmten, historischhergeleiteten Ikonographien zu. Harpers Merry-go-Round zeigt sich inspiriert von Mark Gertlers2 berühmtem Gemälde gleichen Namens aus dem Jahre 1914. Die historische Vorlage dient Harper ganz bewusst als loser Bezugspunkt oder struktureller Unterbau für seine Transfiguration des oberflächlich Sichtbaren durch kalkulierte bildliche Mutation. “Ich entscheide mich für diese Bilder wegen ihrer Sinnlichkeit”, erklärt der Künstler selbst, “also eben nicht allein wegen ihrer formellen Ausdeutung, doch ebenso wenig aus kunsthistorischen (akademischen) Gründen.” Die Idee des visuellen Blühens scheint nunmehr gedämpfter; sie liegt wie ein flüchtiger Schleier über Harpers Bild. Darin verborgen lauern verschiedene Objekte: ein Hut, von einer weiblichen Karussellfigur erhascht, Fußboden, Stützpfeiler der Dachkonstruktion des Karussells und andere poetische Anspielungen, die die Dialektik von innerer Struktur und oberflächlicher Wandlung noch stärker betonen. Eine menschliche Figur (womöglich ein Hinweis auf Gertler selbst) ist im Bild noch auszumachen, während die Karussellpferde indessen, im strudelnden Effekt der Verwandlung, verschwinden. Geblieben ist ein Gefühl des Untertauchens; es lässt sich nicht leugnen, dass Andy Harpers Leben dem Element Wasser unentrinnbar verbunden ist. Dies mag bei einem Künstler, der zeitweise in Cornwall lebt und arbeitet, nicht sehr überraschen. Viel Positives ließe sich sagen über die außergewöhnliche Technik des Künstlers und die Art und Weise, wie er seine Bilder ausführt. Doch hieße dies auch, die eigentliche Essenz seines Schaffens in den Hintergrund zu rücken: das aktive, ja transformative Potential seiner schöpferischen Sensibilität. In Harpers liebevoller Zuneigung zur Fantasie liegt ihre eigene kulturvolle Rechtfertigung, ganz so wie es einst Marcuse formulierte: “… In der ganzen mentalen Struktur hat die Phantasie jene alles entscheidende Funktion inne: die tiefsten Schichten des Unbewussten mit den höchsten Werken des Bewusstseins (der Kunst) zu verbinden, den Traum mit der Realität…”3 Dies wiederum ist Baudelaires sprudelnder Wein der Fantasie, ist die Idee von Versöhnung, die im großen Paradoxon des Schönen verborgen liegt.

 

1
“Entsteigst du dem himmel oder den nächtlichen schlünden, O schönheit? dein blick zugleich höllisch und göttlich rein, Giesst durcheinander die wohltaten aus und die sünden - Und deshalb magst du dem weine verglichen sein!” Charles Baudelaire (1821 – 1867) Loblied auf die Schönheit (Die Blumen des Bösen)
2
Mark Gertler (1891 – 1939) war ein britisch-jüdischer Maler. Zeit seines Lebens Pazifist und Kriegsdienstverweigerer während des Ersten Weltkrieges, schuf er sein Gemälde Merry-Go-Round sowohl als Kritik an kriegerischer Auseinandersetzung, als auch als Ausdruck seines Missfallens und Abscheus gegenüber der von ihm verachteten klassengebundenen Kunstprotektion seiner Zeit. Im Jahre 1939 verließ ihn seine Frau, was ihn auch angesichts des unmittelbar bevorstehenden Weltkrieges in eine anhaltende Depression stürzte. Schon zuvor durch den Tod seiner Mutter und der unerwidert geliebten Malerin Dora Carrington (die beide im Jahr 1932 Selbstmord begingen) zutiefst erschüttert, verübte Gertler Suizid, indem er sich in seinem Londoner Studio/Atelier vergaste. Als Loerke, ein Dresdener Künstler, ist er einer der Charaktere in “Women in Love” (1920) von D.H. Lawrence, der Gertlers Arbeiten sehr schätzte (siehe: Sarah MacDougall, Mark Gertler, London, John Murray Publishers, 2002).
3
Herbert Marcuse, “Phantasy and Utopia” in Eros and Civilisation, New York und London, 1969 (und folgende Editionen), S. 119  “… sie bewahrt den Archetypus des Menschengeschlechts, die ewigen doch unterdrückten Gedanken des kollektiven und individuellen Gedächtnisses, die tabuisierten Vorstellungen von Freiheit.”