JOHN BREED, ALASTAIR THAIN – GOODBYE PARADISE

Text: Nico Anklam, 2012

Ein Garten als biblisches Zentrum der Welt. Neben einem Orangenhain wachsen Palmen und Granatapfelbäume. Die vier Paradiesflüsse entspringen hier, unter ihnen auch Euphrat und Tigris. Im Zentrum wächst ein Baum, reich an reifen Früchten. Malum nannten man ihn seit den Römern: Der Apfel und das Böse gleichsam und damit die verbotene Frucht, die sich so verlockend am Baum der Erkenntnis im Winde wiegt.

Alastair Thain und John Breed verhandeln in der Ausstellung Goodbye Paradise nicht das Paradies selbst, sondern das, was lang davor kam und was noch von ihm bleibt. Qua Titel wird auch klar, dass sie sich ganz bewusst vom Paradies verabschiedet haben. Die Schlange musste niemanden mehr in Versuchung führen, Breed und Thain machen die Tür zum späteren hortus conclusus, dem geschlossenen Paradiesgärtlein Mariens getrost hinter sich zu. Sie blicken mit Abstand auf ein Versprechen, dem sie nicht glauben wollten und schaffen dafür eigene Zeit-Räume, die sich erst im Moment des nicht eingelösten Versprechens konstituieren. 

In John Breeds Skulpturen finden wir mit Silber überzogene Objekte, scheinbar echte Skelette von Tieren und Menschen. Breed sammelt Gefundenes und spürt Skurriles auf, um dann neu zu arrangieren. Seine Landschaften sind bevölkert von den Überresten ihrer ursprünglichen Protagonisten. In seiner titelgebenden Skulptur Goodbye Paradise bezieht er sich ganz konkret auf Jan Brueghel d. Ä und sein Gemälde in Öl auf Holz Das irdische Paradies mit Sündenfall von Adam und Eva von 1615. In Breeds Variante steht ein toter Baum in Zentrum und eine Vielzahl von Tierskeletten gruppiert sich um zwei Figuren in der Mitte. Eva reicht Adam den Apfel. Wir stehen hier einem funkelnden, prätentiösen Sündenfall gegenüber, dessen morbide Figuren schon im Initialmoment beides sind: vergangen und verewigt. Auf bloße Skelette reduziert werden sie gleichzeitig mit Edelmetall in den Status des Unendlichen gegossen.

Alles ist eitel, lesen wir im Buch Kohelet.
Am Anfang war das Wort
, schreibt der Evangelist Johannes.

Alastair Thain verhandelt das Wort als Ursprung alles Seienden in seine neuen fotografischen Arbeiten. Erstmals integriert er Text in seine großformatigen Abzüge von Wolkenlandschaften. Der biblische Schöpfungsakt, der mit dem Wort Gottes begann, wird von Thain in die ontologische Frage nach dem Status des Bildes in Abgrenzung zur Schrift übersetzt. Die großen Narrative des Abendlandes, wie war oder peace, lässt Thain als semantisches Muster, als sprachliche Codes durch seine Fotografien laufen. Und sie zeichnen sich durch eine verstörende Gleichzeitigkeit aus: Wir stehen vor einer düsteren Öde, lange bevor die Welt geschaffen wurde, als alles wüst und leer war. Seine Arbeiten funktionieren jedoch auch als Fenster zu einer apokalyptischen Zukunft nach dem Verschwinden aller menschlichen Existenz. Die Schrift im Bild erscheint hier als spätes Echo und mit ihr hallen die Drohungen und Versprechen einer längst vergangenen Zeit wider. In seiner Arbeit pure (2012) türmen sich dunkle Wolkenmassen in Grautönen vor uns auf. Ein horizontaler Riss geht durch die Mitte des Bildes und aus dem regnerischen Himmel ergießt sich das Wort pure als lichter Regen: Ausspruch Gottes und gleichzeitig leerer Signifikant. Wir blicken fasziniert hinauf zu Thains dramatischen Himmeln und wähnen uns Zeugen zu sein von dem Moment, an dem alles begann.

Goodbye Paradise vereint zwei Positionen, die bei höchst unterschiedlichen künstlerischen Mitteln und Strategien in ihrem Zusammenspiel jedoch eines verbindet: die Absage an ein himmlisches und irdisches Paradies. Breeds Baum der Erkenntnis ist schon vor dem Sündenfall blätterlos und verdorben, und unter Thains Himmel reifen weder Orangen noch wiegen sich Granatapfelbäume. Beiden Künstlern scheint gemein, dass für sie der Abschied aus dem Garten Eden erst der Anfang des künstlerischen Schaffens war. Wir hingegen stehen mitten in ihm, diesem leeren, verbrannten und doch schimmernden Paradies aus Breeds Silber und hören das Donnern aus Thains Wolken über uns.