GREGORY McKECHNIE
NOOLAND


Text: Julika Nehb


Um 1900 prägte der russische Geologe Wladimir Iwanowitsch Wernadskij den Begriff „Noosphäre“ (griechisch nous (νοῦς) = Geist, Verstand, und Sphäre (σφαῖρα) = Hülle, Ball). Damit bezeichnete er die drastische Veränderung der Biosphäre unter dem Einfluss des menschlichen Bewusstseins in den vergangenen 200 Jahren. Eine christliche Vereinnahmung erfuhr der Begriff in Reaktion auf Darwinismus und Säkularisierung im Jahr 1922: Der französische Theologe und Philosoph Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin definierte die „Noosphäre“ als Teil seiner Kosmogenese als einen gedachten Raum, in dem sich christliche mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen versöhnen. Beide Auffassungen eint die Idee eines sinnstiftenden Raums. In der „Noosphäre“ existieren weder räumliche noch zeitliche Grenzen, es gibt keine Trennung von Geist und Materie. Angelehnt an Marshall McLuhans Vorstellung von einer „kosmischen Membran“ ist in der „Noosphäre“ das Bewusstsein eines jeden Wesens miteinander verknüpft.

Der Künstler Gregory McKechnie verbindet die Idee eines sinnstiftenden Raums gemäß dem Modell der „Noosphäre“ mit seinem kulturphänomenologischen Interesse an spirituellen, philosophischen und mythologischen Themen und Bildwelten und erschafft das „Nooland“. Mithilfe komplexer narrativer Strukturen und Strategien, wie sie z.B. aus Fantasyromanen oder Computerspielen bekannt sind, macht McKechnie diese originäre Welt visuell erfahrbar. Er entwickelt differenzierte Orte, Handlungen und Charaktere, bis schließlich eine eigene, enzyklopädische Ikonografie entsteht. Die Ausstellung gewährt einen ersten Einblick in sein „Nooland“.  

McKechnies appropriierendes künstlerisches Verfahren definiert sich durch die Aneignung medialer Vorlagen, darunter Fotografien, Abbildungen aus Printerzeugnissen und Bildern aus dem Internet,  und deren äußerlicher wie inhaltlicher Umformung.  Dieser Transformationsprozess, den der Künstler selbst als „Channeling“ bezeichnet, geschieht mittels der Technik der Collage. Die grundlegenden Eigenschaften der Collage seit ihrer Erfindung durch die Dadaisten und Surrealisten finden sich auch bei McKechnie: Die Einbeziehung des Unterbewusstseins, der Traumebene und das Element des Zufalls spielen in seiner Werkgenese eine zentrale Rolle. Der Transformationsprozess ist nie ganz abgeschlossen. Die Arbeit an der Collage kommt einem Suchen und Finden gleich, bis die Charaktere schließlich in einem letzten Schritt digital dreidimensional animiert werden und miteinander in Interaktion treten.

McKechnies Arbeitsweise ist intuitiv. Ein zentraler Aspekt ist der physische Kontakt zum Papier und der darauf entstehenden Figur. Die Konfrontation von fragmentarischer Collagetechnik mit McKechnies oft eruptivem Einsatz von Wachsstiften verleiht den Arbeiten die Explosivität eines Jean-Michel Basquiat.
McKechnie steht in der Tradition der großen Geschichtenerzähler. Die visuelle Eigenartigkeit der bizarren und enigmatischen Wesen und Szenen aus dem „Nooland“ erinnert an Hieronymus Bosch oder William Blake. Der Künstler reichert seine Bildsprache mit verschiedensten Symbolen, Figuren und Allegorien aus Hoch- und Popkultur, aus den großen Weltreligionen, aus griechischer, nahöstlicher und fernöstlicher Mythologie an. Die Ikonografie der Renaissance mit ihrem Streben nach Symmetrie, Harmonie und Ganzheitlichkeit ist sowohl formal wie auch in Bezug auf das Gesamtkonzept des „Noolands“ von wesentlicher Bedeutung.

Hinter dem „Nooland“ verbirgt sich eine kulturgeschichtlich allumfassende, philantrophische Vorstellung,  in der Buddha, Krishna, Mohammed, Ganesha und Jesus Christus friedlich koexistieren. Dieses übergreifende Konzept widerspricht den einzelnen Schreckensdarstellungen in den Collagen und erweist sich so als sehr versöhnlich.

Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli sagt, dass wir eine Welt geschaffen haben, die wir nicht mehr verstehen. „Unser Gehirn sortiert Informationen aus, die unseren Theorien widersprechen.“ 1)   Diesen Sachverhalt reflektierend, stellt McKechnies Schöpfung des Noolands ein mutiges künstlerisches Experiment dar und entspricht nicht zuletzt dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach Sinnstiftung.


1) ZEIT Magazin Nr. 35 vom 23.08.2012